Ruppius

Sir John Retcliffe
(d. i. Hermann Goedsche)

(1816–1878)

Biogramm

Hinter dem Pseudonym „Sir John Retcliffe“ verbirgt sich der Journalist und Schriftsteller Hermann Ottomar Friedrich Goedsche.

Geboren wurde er am 12. Februar 1816 als Sohn des Bürgermeisters von Trachenberg in Schlesien. Bereits im Alter von 17 Jahren bestand er das Abitur als einer der Besten. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erlaubten kein Studium, sodass er gezwungen war, im Februar 1833 eine Stelle als „angehender Postsecretair“ im Grenzdorf Strzallkowo an der Straße von Posen nach Warschau anzutreten. 1834 wurde er nach Suhl versetzt und kam schließlich über Berlin (1838) und Bocholt (1839) nach Düsseldorf (1844).

Mit Schriftstellerei versuchte er sein dürftiges Gehalt aufzubessern. Sein erstes Buch (Der letzte Währinger) erschien 1835 unter dem Pseudonym Theodor Arming. Das Schreiben verhalf ihm aber nicht nur zu einer Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage, sondern erlaubte ihm auch, ähnlich Karl May, sich aus seiner untergeordneten Stellung in bessere Verhältnisse hineinzuphantasieren (Die steinernen Tänzer, 1837 und Nächte, 1838). In der in Düsseldorf entstandenen Novelle Das todte Haus (1844) ist zum ersten Mal etwas von der Preußenbegeisterung und dem Agitationsbedürfnis der späteren Romane zu finden.

Der März 1848 schreckte Goedsche aus seiner Ruhe in Düsseldorf auf und im Mai befand er sich schon in Berlin. Goedsche wurde Agitator der Konservativen, der Mann für die schmutzigen Dinge und er war beteiligt bei der Gründung der Neuen Preußischen Zeitung 1), die später unter dem populären Namen Kreuzzeitung bekannt wurde und für die er längere Zeit arbeitete. Bestechungen, Abwerbungen, Denunziationen, politische Fälschungen und Intrigen waren Goedsches Angelegenheiten, für den dieses Leben romanhafte Züge anzu­nehmen begann.

Nachdem Goedsche wegen einer Duellforderung zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt worden war, erließ ihm König Friedrich Wilhelm die Strafe und ermöglichte ihm 1853 eine Reise in die Türkei, bei der Goedsche die Schauplätze des beginnenden Krimkriegs kennen lernte. Dies führte zu seinem ersten „historisch-politischen Roman aus der Gegenwart“, Sebastopol (1856/57), der vermutlich noch nicht als erster Teil eines Mammutwerkes gedacht war, die Idee entstand dann beim Schreiben.

Das 19. Jahrhundert hatte für die entscheidenden Jahrzehnte nach 1848 einen brillanten Romancier und politischen „Deuter“ gefunden. Unter der „Hülle des Romans“ hat Goedsche versucht, die europäischen Geschehnisse in einen großen Gesamtzusammenhang zu brin­gen. Es waren Tendenzromane, die im Sinne der konservativen Partei für Preußen und das Königtum eintraten und die gegen den englischen Kapitalismus, die Freimaurer, die Jesuiten und die Juden Front machten. Die Mechanismen der internationalen Politik wurden durch Verschwörungstheorien erklärt, weltweit miteinander kooperierende Geheimbünde steck­ten hinter allen revolutionären Bestrebungen. (Ein Kapitel seines Romans Biarritz wurde im 20. Jahrhundert Grundlage für das antisemitische Pamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion.)

Goedsche verwendete die Muster der gängigen Abenteuerliteratur von Sue, Feval, Dumas und Ferry und schlachtete sie aus. Er beschrieb das Treiben der Berliner Verbrecherwelt des 19. Jahrhunderts und das Leben der in der preußischen Residenz emporgekommenen Spe­kulanten, er schilderte die Dekadenz der Pariser Gesellschaft und die „schlichte Sauberkeit“ des verarmten märkischen Adels, höfischen Prunk und bitterste Not. Und er lieferte Ein­blicke in die Machtzentralen der Feinde Preußens, vornehmlich des verhassten Englands, deren Authentizität durch die Wahl seines Pseudonyms „Sir John Retcliffe“ verstärkt wer­den sollten.

Sich selbst sah er stets als Anwalt Unterdrückter, Gequälter und Entrechteter. Er zeigte die menschlichen Leidenschaften vom abgrundtiefsten Hass und der schändlichsten Verworfen­heit, wobei er eine besondere Vorliebe für die sadistische Darstellung sexueller Brutalitäten hatte, bis zu den edelsten Regungen des Gemüts.

So entstanden in gut zwanzig Jahren in acht Zyklen 35 Romane mit etwa 16.000 Seiten, alles miteinander verwoben, eigentlich ein gigantischer Gesamtroman. In verzweifeltem Bemü­hen versuchte er, dem Weltgeschehen auf den Fersen zu bleiben. Aber er war zu langsam, seine Romane waren immer zu üppig angelegt, und immer, bevor er einen Vorgang ab­schließen konnte, waren schon wieder neue Revolutionen und Kriege ausgebrochen, denen er sich widmen musste.

Am 8. November 1878 – sein letztes Werk Um die Weltherrschaft konnte er nicht mehr ganz vollenden – starb Hermann Goedsche in Warmbrunn, wo er sich seit 1873, nach seinem Ausscheiden bei der Kreuzzeitung, um die Verwaltung des von ihm gegründeten Militärkur­hauses gekümmert hatte.

Seine Romane waren enorm erfolgreich, meistens gab es jährlich Folgeauflagen. Viele ver­suchten sich an seinen Erfolg durch Verwendung seines Pseudonyms oder ähnlich klingen­der Namen anzuhängen.

Nach 1900 war er zunächst durch die relativ gering bearbeitete Götz-Ausgabe auf dem Buchmarkt vertreten. Nach dem ersten Weltkrieg folgte dann die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Barthel-Winkler-Ausgabe.

In der Hitlerzeit gelangte er durch sein Biarritz-Kapitel Auf dem Judenkirchhof in Prag, das eine der Grundlagen für das berüchtigte antisemitischen Pamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion [ 2 ] wurde, noch einmal zu zweifelhaftem Ruhm (der für die Nazis Anlass war, in dem damaligen Warmbrunn einen Gedenkstein aufzustellen).

Diese antisemitischen Inhalte mögen dann auch nach dem Krieg zunächst eine weitere Beschäftigung mit seinem Werk verhindert haben.

Mit dem 1980 erschienenen Buch Der zeitgeschichtliche Sensationsroman in Deutschland 1855–1878. Sir John Retcliffe und seine Schule. von Volker Neuhaus wurde er dann wieder zum Objekt der Literaturwissenschaften.


1) Theodor Fontane war Redaktionskollege von Goedsche bei der Neuen Preußischen Zei­tung. Er erinnert sich in seinem autobiografischen Werk Von Zwanzig bis Dreißig:

… Auf der Redaktion saßen Hesekiel und ich dicht zusammen, nur durch einen schmalen Gang getrennt, und mitunter schrieben wir uns Briefe, die wir uns von einem Tisch zum andern herüberreichten. Es wurden darin immer nächstliegende Personalien verhandelt, anzüglich, aber nie bösartig, vielmehr vorwiegend in so grotesk ausschweifender Weise, daß dadurch der kleinen Malice die Spitze abgebrochen wurde. Meist ging es gegen den Chefredakteur, dessen pedantische Ruhe der Hesekiel’schen Natur durchaus widersprach. Am ungeniertesten wurde mit dem aus dem Waldeckprozeß schlecht beleumdeten Goed­sche verfahren, der übrigens keineswegs ein Schreckensmensch, vielmehr, bei hundert klei­nen Schwächen und vielleicht Schlimmerem, ein Mann von großer Herzensgüte war; er schrieb damals an seinen, vom buchhändlerischen Standpunkte aus berühmt gewordenen Sir John Redcliffe-Romanen [sic], die, wie er selbst, eine Quelle beständiger Erheiterung für uns waren. Einer dieser Romane hieß „Nena Sahib“. Wenn nun eine ganz ungeheuerliche Stelle kam, wo die Schrecknisse sich riesenhaft türmten, so kriegte er es doch mit der Angst, und fühlend, daß er dem Publikum vielleicht all zu viel zumutete, machte er, mit Hilfe eines Sternchens, eine Fußnote, darin es in lakonischer Kürze hieß: „Siehe Parlamentsak­ten“. Er hütete sich aber, Band und Seitenzahl anzugeben. Wenn wieder ein mehrbändiges Werk fertig war, ließ er es jedesmal elegant einbinden, um es dann, in der Privatwohnung des Chefredakteurs, der sehr feinen und sehr akkuraten Dame des Hauses als Huldigungs­exemplar überreichen zu können. In besonders schweren Fällen soll er aber hinzugesetzt haben: „Ich muß die gnädige Frau dringend bitten, es nicht lesen zu wollen.“ Von Hesekiel ließ er sich alles gefallen; manche Wendungen waren stereotyp. Es kam vor, daß Goedsche mit einem gewissen Feldherrnschritt auf der Redaktion erschien und hier, ohne daß das Geringste vorgefallen war, ein ungeheures Ergriffensein über einen rätselhaften und viel­leicht gar nicht ’mal existierenden Hergang zur Schau stellte. Hesekiel sagte dann, um diesen falschen Rausch zu markieren, ruhig vor sich hin: „Goedsche hat heute wieder seine Zahntinktur ausgetrunken.“ Ich persönlich habe Goed’sche [sic] nur von zwei Seiten kennen gelernt: als Vogelzüchter und Bellachini-Freund. Er hatte eine Hecke der schönsten australi­schen und südamerikanischen Vögel, und Bellachini war auf seine Art ein reizender Mann, was nicht wundernehmen darf. Alles, was sich an der Peripherie der Kunst herumtummelt: Akrobaten, Clowns, Monsieur Herkules, Zauberer und Taschenspieler – alle sind meist sehr angenehme Leute, weil sie das Bedürfnis haben, die Welt mit sich zu versöhnen. Goedsche zog sich in den siebziger Jahren nach Warmbrunn zurück, woselbst er in seinen guten Tagen – er hatte an den Redcliffe-Romanen [sic] ein enormes Geld verdient – ein Kranken­haus gestiftet hatte; dort starb er auch. Das letzte Mal, da ich ihn sah, noch in Berlin, war er sehr elend, infolge einer merkwürdigen, echt Goedsche’schen Weihnachtsfeier. Seine Frau war ihm gestorben, und ganz in Sentimentalität steckend, wie so oft Naturen der Art, be­gab er sich am Christabend nach dem katholischen Kirchhofe hinaus und veranstaltete hier, indem er zahllose Lichter aufs Grab pflanzte, eine Liebes- und Gedächtnisfeier. Er setzte sich auf ein Nachbargrab und sang einen Vers und weinte. Die Folge davon war ein Pyramidalkatarrh, der sein Leben schon damals in Gefahr brachte. …Theodor Fontane:
Von Zwanzig bis Dreißig · Autobiographisches
Berlin, F. Fontane & Co., 1898; S. 450-453.
 

Beurteilung

Der zum Lager der extremen Konservativen gehörende Journalist Hermann Goedsche, zeit­weise Redaktionskollege von Theodor Fontane, entwarf mit seinen historisch-politischen Romanen aus der Gegenwart ein umfassendes Bild der politischen Vorgänge seiner Zeit. Er griff die zu seiner Zeit verbreiteten Verschwörungstheorien (siehe auch Gabriel Ferry: Die Kosakenjagd) auf und versuchte durch die Einführung von weltweit operierenden politi­schen Geheimbünden – auch einer jüdischen Weltverschwörung – zu einem schlüssigen Weltmodell zu gelangen. Das Pseudonym Sir John Retcliffe verwendete er, um den Lesern Authentizität der von ihm geschilderten „Hintergrundinformationen“ aus dem feindlichen (englischen) Lager zu suggerieren.

Um Leser für seine aggitativen Romane zu finden, benutzte Goedsche die Form des Aben­teuerromans, wobei er sich aller bis dahin bekannten Variationen dieser Literaturgattung (Ferry, Sue, Dumas usw.) bediente. Indem er diese unterschiedlichen Elemente für seine Zwecke variierte, umformte und zusammenfügte, schuf Goedsche etwas völlig Neues – den großen Romanen von Alexander Dumas und Eugene Sue mindestens gleichwertig.

Eine „dunkle Seite“ des Sir John Retcliffe soll aber nicht verschwiegen werden. Sein Werk ist angereichert mit einer nicht nur für seine Zeit ungewöhnlich massiven Darstellung von sexueller Brutalität, welche auf ausgeprägte sadistische Neigungen des Autors schließen läßt.

Der Abenteuergehalt seiner Romane war mehr als ausreichend, um auch später, als die Aktualität seiner politischen Inhalte schon längst verblasst war, seine Bücher bis weit über die Jahrhundertwende hinaus in immer wieder neuen – aber immer bearbeiteten – Ausga­ben herauszubringen.